Die Angst vor sich selbst: BDSM-Selbstfindung vor dem Internet

Geschrieben von Chris


Die Pubertät ist eine sehr verwirrende Zeit. Als Heranwachsender sieht man viele Dinge anders, die immer schon da waren – und man sieht seine Mitmenschen anders, insbesondere die weiblichen. Plötzlich fällt einem auf, dass es Brüste gibt – und ein paar andere Dinge auch. Doch so richtig kompliziert wird es, wenn sich zu dieser an sich schon schwierigen Phase auch noch Fantasien gesellen, die mit Ketten und Seilen zu tun haben.

Ich wurde nie aufgeklärt. Ich glaube, meine Eltern dachten sich, ich würde schon fragen, wenn ich Fragen hätte. Gleichzeitig aber bin ich mir sicher, dass sie heilfroh sind, dass ich das nie getan habe, denn meine Eltern sind sehr, sehr katholisch und sehr, sehr konservativ. Über beneidenswerte 50 Jahre hinweg unglaublich liebevoll im Umgang miteinander, aber all das stets ohne die kleinste sexuelle Komponente.

Also habe ich mich selbst aufgeklärt. Mit der damals in den  80ern allgegenwärtigen Bravo, der Jugendzeitschrift, die man sich eigentlich primär wegen der Fragen an das Dr.Sommer-Team kaufte. Das funktionierte einigermaßen, zumindest bezogen auf die normalen Aspekte der menschlichen Sexualität. Mit dem Rest stand ich aber alleine auf verlorenem Posten.

Denn ich merkte schon als Kind, dass ich irgendwie anders bin. Sobald ich lesen konnte, verschlang ich die Geschichten der „Fünf Freunde“. Aus zwei Gründen: Die Geschichten waren einfach spannend – und in nahezu jeder Episode wurde irgendwer gefesselt. Letzteres faszinierte mich besonders. Und es erregte mich, auch wenn ich das damals natürlich nicht als Erregung erkannt habe oder irgendwie einordnen konnte. Ich wusste nur, dass dieses Gefühl sehr schön war, sich gleichzeitig aber falsch und verboten anfühlte. Unnormal. Als würde etwas mit mir nicht stimmen.

Ich vergrub all das in mir, weil ich einfach nicht wusste, wohin damit. Gespräche mit anderen Menschen erschienen mir undenkbar. Ich sprach darüber nicht mit Freunden – und erst recht nicht mit meinen Eltern.

Ich wurde älter, bis schließlich so mit 12 oder 13 Jahren meine Pubertät voll loslegte. Ich entdeckte Sexualität, hatte Fantasien –  doch im Gegensatz zu dem, was mir meine Altersgenossen so erzählten, waren die Bilder in meinem Kopf dunkler. Sie drehten sich um hilflose Frauen, um Seile, Ketten und Erniedrigung. Nicht immer, aber gelegentlich. Oft genug jedenfalls, um mir ernsthaft Sorgen um mich und meinen Geisteszustand zu machen.

Ich hatte keinerlei Bezugspunkte in dieser Hinsicht, wusste also nicht, ob so etwas normal ist, ob ich irgendwie krank war – oder vielleicht sogar gefährlich. Schlummerte in mir ein verkappter Gewalttäter? Es gab kein Internet, keine Ansprechpartner, keine Orientierung. Ich war alleine mit diesen Gedanken und der – ich kann es nicht anders sagen – Angst vor mir selbst. Oder zumindest vor diesem dunklen Teil von mir.

Meine ersten Teenager-Beziehungen (oder das, was man in dem Alter halt dafür hält) kamen und gingen. Die leichten Anflüge von Sex, die ich damals hatte, waren vollkommen normal und harmlos. Ich versuchte nicht einmal ansatzweise, meine Fantasien in irgendeiner Form auszuleben, stattdessen hatte ich mich irgendwie damit arrangiert, dass diese Bilder halt in meinem Kopf wohnten und wohl auch nicht verschwinden würden.

Dann wurde ich volljährig. Plötzlich standen mir Türen offen, die vorher verschlossen waren. Die von Sex-Shops beispielsweise. Und doch dauerte es noch einmal fast ein Jahr, bis ich wirklich mal einen solchen betrat. Sie waren mir einfach suspekt, was vermutlich ein Resultat meiner konservativen Erziehung war. Zwielichtige Einrichtungen für zwielichtige Gestalten.

Erst kurz vor meinem 19. Geburtstag überwand ich mich (wofür ich fünf Anläufe brauchte, die sich über etwa 30 Minuten hinzogen). Der erste Eindruck im Shop war ernüchternd und bestätigte das Bild, das ich im Kopf hatte: Billige Toys (Mitte der 90er waren Sextoys noch keine Lifestyle-Produkte), billige Magazine und Filme (von „schwanzgeile Engel“ bis zu „dreckige Fick-Omas“ war alles geboten). Schlimm.

Auf dem Weg zurück zum Ausgang (die Regale ähnelten eher einem Labyrinth als einem normalen Laden) bog ich falsch ab und landete in einer Sackgasse. Und dort machte mein Herz vor Freude und Erleichterung einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: Ich war in der Ecke mit den aus den USA importierten Bondage- und BDSM-Magazinen gelandet. Da waren sie, die Bilder, die ich die ganze Zeit irgendwo ganz tief in mir versteckt hatte. Gedruckt auf Papier. Unzählige verschiedene Magazine. Das Stück für 30 Mark. Viel Geld für einen Abiturienten, aber das war mir egal.

Zwei davon kaufte ich an diesem Tag, raste nach Hause, schloss mich in meinem Zimmer ein (damals wohnte ich noch bei meinen Eltern) und vergrub mich in den Bildern, nach denen ich mich so lange gesehnt hatte. Es war der einzige Tag in meinem Leben, an dem ich es auf sieben Orgasmen gebracht habe. Und ja, danach tat mir alles weh, aber das war es wert.

Über die Monate und Jahre habe ich noch um die 20 weitere Magazine gekauft. Und ich habe immer noch jedes einzelne davon. Ab und zu blättere ich darin, genieße das nostalgische Gefühl und schmunzle ein bisschen darüber, dass mir damals die teilweise wirklich unterirdische Qualität der Bilder (sowohl bezogen auf den Druck, als auch auf die Fotografie an sich) nicht aufgefallen ist.

Aber letztlich spielte die damals keine Rolle, denn entscheidend war: Die Magazine haben mir nach so vielen Jahren der Verwirrung und Unsicherheit gezeigt, dass ich mit dieser Neigung ganz offensichtlich nicht alleine bin. Und dadurch haben sie einen nicht zu verachtenden Teil meines Seelenheils gerettet. Wen interessieren da schon ein paar unscharfe Fotos?

Autor: Lynn & Chris

Wir sind Lynn und Chris. Ein ganz normales Ehepaar. Genauer gesagt: Ein ganz normales, polyamor lebendes BDSM-Ehepaar. Dies sind unsere Geschichten.

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