Hurenmarkt: Ein harter Aufprall in der Realität

Geschrieben von Lynn und Chris


Chris

Disclaimer: Dieser Beitrag lag bei uns schon länger auf Halde und stammt aus der Zeit vor der Corona-Pandemie und ihren Beschränkungen.

Rollenspiele sind ein kleiner aber dennoch wichtiger Teil unserer Sexualität. Und damit meine ich nicht unbedingt die klischeehafte „Herr Lehrer, wenn Sie mir eine schlechte Note geben, falle ich durch – kann ich da nicht irgendwas tun?“-Nummer, die sehr leicht unfreiwillig komisch wird. Sondern beispielsweise Huren-Rollenspiele.

Mich kickt die Rolle des Zuhälters und Lynns Degradierung zur Ware, die ich verleihen kann, wie ich das für angemessen halte – und das wiederum erregt Lynn. Und wie es der Zufall will, gibt es in ganz Deutschland immer wieder mal Partys, die genau diese Neigung bedienen: Hurenmärkte.

Natürlich fließt dabei kein echtes Geld, sondern nur Spielgeld, doch das Konzept reizte uns dennoch sehr. Nur gibt es auch hier leider das übliche Problem: Nicht alles, was in der Fantasie toll ist, ist das auch in der Realität.

Ich habe es mir so wunderbar vorgestellt. Lynn im edlen Kleid (eher teure Escort-Dame als Straßenhure), ich im Smoking – und dann schicke ich sie auf den Strich und sehe zu, wie sie mich stolz macht. Wie sie sich – ganz in ihrer Rolle aufgehend – auch mal mit Männern einlässt, die vielleicht nicht so ganz ihrem Beuteschema entsprechen, nur um möglichst viel Spielgeld in meine Taschen wandern zu lassen, während ich zusehe und die Show genieße. Quantität vor Qualität, ausnahmsweise mal.

Soweit die Theorie.


Lynn

Freitagabend. Milder Frühherbstwind streichelt meine nackten Beine. Auf dem Weg zu einem berühmten SM-Club am Rande der Stadt. Ich kuschele mich in meinen Mantel und mir wird bewusst, nur noch 100 Meter bis zur Location. Zu dem Event, auf das ich mich 3 Monate lang gefreut habe.

Unauffälliger Hintereingang, im Rücken eines Hotels. Drinnen empfängt uns herzlich der Veranstalter und erklärt uns das Prozedere. In den Umkleiden tausche ich den Mantel gegen ein „ganz kleines Schwarzes“, eleganten Schmuck und hohe Schuhe. Gespannt begeben wir uns auf eine Tour durch die Räume, auf mehreren Etagen befinden sich liebevoll gestaltete Spielmöglichkeiten. Wir staunen und baden in Vorfreude. Im Hauptraum spannt sich die Decke in atemberaubender Höhe über einer Bühne. Wir nehmen am Rand platz, lassen die Weingläser klingen und warten auf die Einführungsrede.

Währenddessen füllt sich der Saal. Unangenehm fällt mir auf, dass die Einhaltung des Dresscodes durch einige der anwesenden Damen zu wünschen übrig lässt. In der Einladung stand etwas von Abendgarderobe, erotisch, aber mit Stil oder standesgemäß nackt nur mit Halsband. Explizit ausgenommen waren „Swingerclubdessous“ wie z. B. Babydolls oder BH und Slip. Ungefähr 8 Frauen tragen BH und Slip. Zwar keine Baumwollhöschen, aber trotzdem. Es ärgert mich ein wenig, mein Outfit mit Mühe und Sorgfalt ausgesucht zu haben und dann machen es sich viele doch so einfach. Eine Frage des Respekts (vor dem Event, dem Veranstalter, den anderen Gästen), der leider zu oft fehlt.

Mit einigen Minuten Verspätung beginnt der Abend mit der Ansprache. Der Veranstalter begrüßt noch einmal alle Anwesenden freundlich, lässt die Damen, die zur Auktion freigegeben werden sollen vor der Bühne platzieren und verliest die Regeln. Er betont, dass er es nicht sehen möchte, dass Männer Frauen mit unhygienischen Fingern berühren (Hände waschen und desinfizieren, bitte keine Finger von Anus zu Vagina wandern lassen etc.) und meine Vorfreude steigt wieder.

Die Versteigerung beginnt und die Teilnehmer (Männer und Paare) dürfen mitbieten. Jede Frau wird dabei präsentiert, ihr Neigungsbogen vorgetragen und dann beginnt der Kampf um den Zuschlag. Die erste Dame macht ein Gesicht wie „7 Tage Regenwetter“. Ich zweifle ernsthaft an ihrer Freiwilligkeit (insbesondere, da wir ihren „Dom“ später noch genauer kennen lernen sollten – ein Würstchen mit TPE-Anspruch, das ohne Empathie und Selbstbewusstsein, ohne Gefühl für Härte oder Milde wild um sich „dommst“) und sie sah aus, als würde sie sich gleich übergeben. In Ketten und transparentem Kleid wurde sie herumgeführt. Ein Trauerspiel, da die Höchstgebote lange auf sich warten ließen und mir das junge Mädchen enorm leid tat. Viele zögerten wohl noch, wollten ihr Geld für eine schlankere/ tabuärmere/ fröhlichere / hübschere Frau ausgeben. Nach gefühlten 10 Minuten ihres Leidens fiel der Hammer. Ein kleiner Mann mit Tonsur und gelben Zähnen nahm sich ihrer an. Besser gesagt: er packte ihre Hand, zerrte sie zur Matte und ließ den Neigungsbogen mit ihren Tabus darauf gepflegt im Barbereich liegen.

„Das ist Baby, die macht richtig viel mit. Zum Beispiel Blasen ohne Kondom, Schlucken, GV und AV gleichzeitig, Schläge ins Gesicht…“ Mir wurde ein wenig übel. Die Angepriesene war mir schon aus unserer heimatlichen Clubszene bekannt und ich muss immer wieder den Kopf darüber schütteln was manche so machen. Ich habe nichts gegen Herrenüberschuss, ich habe auch nichts gegen hemmungslose Frauen, die ihrer Lust nachgehen. Aber ich habe etwas gegen Personen, die ihre Gesundheit so leichtfertig aufs Spiel setzen. Wo vorhin noch die „Regeln“ des Abends gepriesen und mit Applaus abgesegnet wurden (z. B. keine Frau intim zu berühren bei der Vorführung zur Auktion), grabbelten die Männer nun wie am 99-Cent-Wühltisch. Alle Manieren schienen vergessen. Es wurde gedrängelt und zugepackt, die Hände gingen ohne Desinfektion von Frau zu Frau. Mir wurde noch ein wenig schlechter. Ich war froh, dass mein Herr davon abgesehen hatte mich bei der Auktion zur Verfügung zu stellen.

In diesem Moment wurde mir mal wieder bewusst: Kopfkino und Realität liegen manchmal meilenweit auseinander. Meiner Vorstellung nach treten an dieser Veranstaltung gepflegte, dominante Männer auf, die den devoten – zum Verkauf stehenden – Damen mit Respekt und Strenge begegnen und ihrer Erfahrung und den Neigungsbögen nach benutzen. Was ich live sah waren z. T. Männer, die nur mit Mühe Eintritt in einen normalen Swingerclub erlangt hätten, die einer „ich habe gezahlt, also darf ich anfassen und ficken“-Mentalität nach handelten, die sich in schwarzen Jeans und 2 Größen zu kleinen/ großen, ungebügelten Kurzarmhemden und Turnschuhen Zugang verschaffen konnten, die zu 90% überhaupt keine Ahnung von BDSM, Tiefgang, ehrlicher Unterwürfigkeit oder dominanter Erotik hatten…

Ich erinnerte mich an den einzigen Gangbang an dem ich je teilgenommen hatte und musste gestehen: Selbst dort wurde von Seiten der Männer her mehr auf die Frauen geachtet und auf Gesundheit und Umgangsformen, als bei diesem selbsternannten „anspruchsvollen Hurenevent“.

Der Veranstalter nahm es wohl ähnlich wahr. Kurz vor Mitternacht sah ich ihn an der Bar sitzend, seitlich, mit dem Kopf in die Hände gestützt, müde, beinahe resigniert. Der Abend war offenbar für ihn auch anders verlaufen als gewünscht. Und das ist so schade.

Aber das ist eben ungesunde Gruppendynamik von einer Horde Beta-Männchen, die einfach nur dringend Einen wegstecken müssen. Und dabei gar nicht merken, wie sie sich selbst die Tour vermasseln bei Frauen wie mir. Selbstbestimmten, jungen – ich behaupte mal nicht schlecht aussehenden – Frauen, die Wert legen auf Hygiene, Gesundheit und Umgangsformen. Die heiß sind auf den Abend, auf die Erfahrungen, auf die Männer und auf das Spiel und dann so hart aufschlagen auf dem Boden der Realität, dass ihnen alles vergeht. Diese Herren sorgen selbst dafür, dass ich mich abwende, gehe, keine Lust mehr habe auf Interaktion, alleine durch ihr widerwärtiges Verhalten.

Und das ist eine Schande. Denn das Partykonzept an sich wäre perfekt.

Autor: Lynn & Chris

Wir sind Lynn und Chris. Ein ganz normales Ehepaar. Genauer gesagt: Ein ganz normales, polyamor lebendes BDSM-Ehepaar. Dies sind unsere Geschichten.

4 Kommentare zu „Hurenmarkt: Ein harter Aufprall in der Realität“

  1. Oh wie schön, endlich wieder mal etwas von euch zu lesen 🙂
    Ich habe bislang jedes Wort eures Blogs verschlungen und ihr seid nicht ganz unschuldig daran, dass ich endlich den Mut aufbrachte, meiner devoten Neigung nachzugeben.

    Zum Erfahrungsbericht fehlen mir hingegen jetzt irgendwie die Worte … selbst vor Corona wäre es mir absolut unverständlich gewesen, wie man(n) Hygiene dermaßen mit Füßen treten kann. Auch ohne meine berufliche Affinität (Medizinbereich) wäre es für mich undenkbar, einen bestimmten Hygienestandard zu unterschreiten. Ich frage mich da immer, ob tatsächlich nur der Bluttransfer ins Gemächt und/oder zwischen die weiblichen Schenkel (Hygieneabstinenzlerinnen gibt es ja auch) Schuld ist, seine Gesundheit so mir nichts, dir nichts auf’s Spiel zu setzen oder ob doch erstaunlich viele grundsätzlich einfach bescheuert sind …

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Jadzia, vielen lieben Dank für Deinen Kommentar. Wir haben uns wirklich sehr über Deine Worte gefreut – und als ich ihn eben Lynn gezeigt habe, war Sie beim Lesen Deines ersten Absatzes sehr gerührt. Es ist toll, das zu lesen – und ein sehr großes Kompliment. Du hast uns damit den Abend versüßt! Ich hoffe (bzw. wir hoffen), dass Du es bisher nicht bereut hast, diesen Weg zu gehen. 🙂

      Ja, es ist eine lange Zeit vergangen, seit wir zuletzt etwas geschrieben haben, aber wieder einmal ist viel passiert. Wir haben einen Umzug hinter uns gebracht, Lynn studiert seit etwas mehr als einem Jahr berufsbegleitend – da blieb unser Blog leider ziemlich auf der Strecke, weil sie auch durch die Doppelbelastung einfach keinen Kopf zum Schreiben hat. Ich überlege noch, ob ich dazu im Lauf der nächsten Tage einen eigenen Blog-Eintrag verfassen soll, falls mir dazu der passende Dreh einfällt.

      Ja, das war eine sehr unschöne Erfahrung, besonders weil Lynn ebenfalls einen gewissen medizinischen Hintergrund mitbringt. Und ja, leider agieren tatsächlich erstaunlich viele Menschen überraschend kurzsichtig, wenn es um ihre Gesundheit geht. Oder um es anders zu formulieren: Erschreckend viele Menschen sind tatsächlich grundsätzlich einfach bescheuert.

      Liken

      1. Nein, ich habe es nicht bereut, nicht eine Sekunde. Ich lebe und liebe inzwischen in einer Beziehung mit einem sehr fürsorglichen Herrn (mit dem ich nicht nur beim Thema „Hygiene“ auf der gleichen Welle liege) und wir leben unser beider Neigungen mit Leidenschaft aus. Mein erster gemeinsamer Besuch mit ihm in einem Club für Paare war ein göttliches Erlebnis – auch hier habt ihr mir mit euren Erlebnisberichten im Vorfeld geholfen. Deshalb hier von mir- vielen lieben Dank dafür 🙂

        Gefällt 1 Person

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