…wie auch in schlechten Zeiten

Geschrieben von Chris


Fast fünf Monate ist es nun her, dass wir hier den letzten Beitrag veröffentlicht haben. Nicht weil wir keine Lust dazu gehabt hätten, sondern manchmal funkt einfach das Leben dazwischen. Und manchmal tut es das auf äußerst schmerzhafte Weise.

Ende April brach ich mir die linke Schulter. Und wer sich ein bisschen mit Medizin auskennt, der weiß: Nichts heilt so langsam wie ein Schulterbruch.

Fast zwei Monate durfte ich den linken Arm nicht bewegen. Schon mal versucht, mit nur einem Arm ein T-Shirt an- und vor allem wieder auszuziehen? Macht das mal. Es ist kein Spaß.

Operiert wurde ich im Mai, langsam mit aktiven Bewegungen wieder anfangen durfte ich Anfang Juli. Vorher war die einzige Bewegung die Krankengymnastik zweimal pro Woche. Schuhe binden, anziehen, duschen – bei vielen Dingen brauchte ich Hilfe. Es war schrecklich, denn ich bin ein sehr selbstständiger Mann und hasse es so im normalen Alltag schon, auf Hilfe angewiesen zu sein. Ich mache die Dinge gerne alleine – einfach weil ich es kann. Da konnte ich es nicht mehr. Es war demütigend.

Ende Juli ging es dann langsam wieder aufwärts. Die Beweglichkeit kam zurück (auch wenn ich den linken Arm nach wie vor nicht ansatzweise so bewegen kann wie den rechten), die Kraft sehr, sehr langsam auch (es ist unglaublich, wie schnell sich Muskeln abbauen, wenn man einen Arm so lange nicht bewegen darf). Ich konnte Alltagstätigkeiten endlich wieder alleine durchführen, fühlte mich in meinem defekten Körper langsam wieder wohl. Kurz gesagt: Ich freute mich darauf, endlich wieder normal zu leben.

Bis Anfang August bei mir ein komplizierter Nierenstein auftrat. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich gedacht, seit meinem Schulterbruch wüsste ich, was wirkliche Schmerzen sind. Falsch. Und wer schon einmal einen Nierenstein oder generell Nierenkoliken hatte, der weiß, was ich meine. Diese Schmerzen sind im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend.

Lynn holte den Notarzt, der dann alles in mich hineinpumpte, was er an Schmerzmitteln dabei hatte. Dann mit dem Rettungsdienst ins Krankenhaus. Diagnose: Nierenstein, 3 mm Durchmesser. Eigentlich harmlos und sollte von alleine abgehen, sagte man mir, als ich am nächsten Tag ausgestattet mit einem Jahresvorrat heftiger Schmerzmittel die Klinik beschwerdefrei wieder verließ. Ich solle nur viel trinken und mich viel bewegen. Irgendwann würde der Stein seinen Weg nach draußen finden.

Tat er nicht. Fünf Tage später kamen die Koliken wieder, also wieder in die Notaufnahme. Diagnose: Der Stein hatte sich verklemmt und einen Urin-Rückstau in die Niere verursacht. Die Folge war eine Notoperation noch am gleichen Abend, bei der eine Harnleiterschiene gelegt wurde, damit der Urin ungehindert abfließen kann (so eine Art Schlauch von der Niere in die Blase, der in den Harnleiter eingeführt wird). Da der Harnleiter so gereizt war, war es allerdings nicht möglich, den Stein gleich mit herauszuholen, also wurde mir mitgeteilt, dass ich die Schiene jetzt erst mal 2-3 Wochen da bleiben solle. Danach solle dann noch eine OP erfolgen, in der die Schiene und der Stein nacheinander rausgeholt werden.

Da ich mich mittlerweile an die Aufenthalte im Krankenhaus gewöhnt hatte und selbst als Nadelphobiker das permanente Blutabnehmen und ähnlichen Kram ziemlich stoisch hinnahm, dachte ich mir, das wäre schon irgendwie machbar. Bis dann die Ärztin bei der Visite nach der OP sagte: „Wenn Sie wasserlassen müssen, machen Sie das bitte im Sitzen, so lange die Schiene drin ist. Nicht dass Sie vor Schmerzen ohnmächtig werden und umfallen.“ Beim ersten Pinkeln wusste ich dann auch, was sie meinte. Die Harnleiterschiene sorgt zwar für einen ungehinderten Abfluss des Urins, hat aber den lustigen Nebeneffekt, dass die Niere nicht mehr schließen kann. Die Folge: Bei jedem Pinkeln kommt es in den ersten ca. fünf Sekunden zu einem kurzen Urin-Rückschlag in die Niere. Also hatte ich ab dem Zeitpunkt bei jedem Toilettengang Schmerzen, die denen, wegen derer wir damals den Notarzt gerufen haben, in nichts nachstanden. Und da ich viel trinken musste, hatte ich das etwa einmal pro Stunde. Es ging mir dreckig. Mir ging die Kraft aus, mir ging der Mut aus, ich konnte kaum schlafen, ich war eigentlich immer niedergeschlagen. Es war die Hölle.

Und bei all dem immer an meiner Seite: Lynn. Ich war zu nichts zu gebrauchen, hatte permanent irgendwelche Schmerzen, konnte viele Dinge nicht mehr alleine machen. An ein normales Beziehungsleben mit gemeinsamen Aktivitäten war nicht zu denken, an normalen Sex sowieso nicht, an BDSM schon gleich dreimal nicht. Vier Monate lang. Und auch wenn diese Zeit für sie sicherlich kaum weniger anstrengend war als für mich, war sie dennoch nie genervt oder gab mir das Gefühl, eine Last zu sein. Sie war einfach immer da. Und ich bin ganz ehrlich: Ich weiß nicht, was ich ohne sie hätte machen sollen.

Das „in guten, wie in schlechten Zeiten“ bei einer Hochzeit geht den meisten Menschen leicht über die Lippen. Wie viel wert diese Worte wirklich sind, zeigt sich allerdings erst in solchen Situationen. Und auch wenn ich ohnehin jeden Tag unaussprechlich froh und dankbar war und bin, Lynn zu haben, so war ich doch nie dankbarer als in dieser schweren Zeit.

Seit Ende August ist die Harnleiterschiene übrigens raus. Die letzte OP verlief problemlos – und auch der Nierenstein löste sich beim Entfernen der Schiene gleich in seine Einzelteile auf und ging von alleine ab. Keine Schmerzen mehr beim Pinkeln, kaum noch Einschränkungen durch den nach wie vor nicht so beweglichen linken Arm. Ich lebe wieder. WIR leben wieder.

Und zum ersten Mal seit Monaten habe ich die Kraft, mich wieder auf die Dinge zu freuen, die da noch so kommen.

Autor: Lynn & Chris

Wir sind Lynn und Chris. Ein ganz normales Ehepaar. Genauer gesagt: Ein ganz normales, polyamor lebendes BDSM-Ehepaar. Dies sind unsere Geschichten.

3 Kommentare zu „…wie auch in schlechten Zeiten“

  1. Erst mal gute Besserung!
    Zu dem Schulterproblem – ich hatte so einen komplexen Bruch vor acht Jahren. Such Dir eine gute (sic!) Physiotherapeutin, die Dir hilft, die Sehnen wieder zu dehnen – ein bißchen Medizinballspielen reicht da nicht aus. Selbst mit wirklich massiver Unterstützung beim Dehnen (seitdem verstehe ich Schmerzerotiker) ist die Beweglichkeit noch eingeschränkt im Vergleich zu vorher, aber ohne wäre es vermutlich noch schlimmer.

    Gefällt 1 Person

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