Herausforderungen und Grenzerfahrungen

Geschrieben von Chris


Dass die Öffnung einer Beziehung für jemanden wie mich nicht ganz einfach ist, hatte ich ja bereits erwähnt. Wie sehr mich dieser Prozess an meine Grenzen führen kann, das war mir allerdings nicht bewusst. Vor Augen gehalten hat mir das im vergangenen Jahr meine – nun ja – Nemesis. Nennen wir ihn F., denn mit diesem Buchstaben beginnt sein Vorname.

Mein Weibchen hat einen ausgeprägten Hang zu Lehrerpersönlichkeiten. Ältere Männer, erste graue Haare, viel Wissen – und dazu den Hang, dieses auch weiterzugeben. Wer also glaubt, die Schülerin, die ihren Lehrer anhimmelt, wäre lediglich ein Klischee, den muss ich enttäuschen: Das gibt es tatsächlich. Ich habe eines dieser seltenen und manchmal absonderlichen Exemplare geheiratet.

Das ist okay, denn ich bin selbst irgendwie eine dieser Lehrerpersönlichkeiten, schließlich wäre ich fast Lehrer geworden. F. allerdings ist gewissermaßen die Quintessenz der Lehrerpersönlichkeit. Er trägt einen Doktortitel, ist Dozent an der Universität, pflegt einen eher altmodischen Kleidungsstil mit einem gewissen Hang zu leichter Schrulligkeit – und er verfügt über die subtile Arroganz eines Menschen, der weiß, dass ihm ein großer Teil der Bevölkerung dieses Planeten intellektuell hoffnungslos unterlegen ist. Darüber hinaus ist er dominanter BDSMler. Mit anderen Worten: Er ist der feuchte Traum einer Frau wie Lynn.

Kennengelernt hatten sich die Beiden etwa drei Jahre bevor Lynn und ich uns kennenlernten. Abgesehen von sehr intensiven und expliziten Gesprächen und einem kleinen Würgespielchen in einer schummrigen Bar lief zwischen den beiden nie etwas (nicht zuletzt, weil seine Freundin von der Intensität dieser Verbindung nie etwas wusste). Voneinander los kamen die beiden aber dennoch nie. Auch wenn der Kontakt zwischen ihm und ihr immer mal wieder bis hin zur mehrmonatigen Funkstille abflaute, so riss er dennoch nie komplett ab. Letztlich wirkten Lynn und F. wie zwei Planeten, die einander umkreisen, weil sie im Schwerkraftfeld des jeweils anderen gefangen sind. So verhält es sich auch, seit Lynn und ich zusammen sind. Und ich muss gestehen: In manchen Momenten fällt es mir nicht leicht, damit umzugehen. F. ist für mich die personifizierte Grenzerfahrung.

Ich bin anders als er. Ich würde meine Dominanz als eher warm definieren. Wenn ich Lynn beispielsweise anweise, den Tisch für das Abendessen schön zu decken und sie diese Aufgabe dann zu meiner Zufriedenheit erfüllt, dann bedanke ich mich bei ihr. Weil ich ihr zeigen möchte, dass ich das (wert)schätze, was sie für mich getan hat. Weil ich mir der Tatsache bewusst bin, dass ihre Unterwerfung ein Geschenk an mich ist. Dass sie nicht selbstverständlich ist. Irgendwann erklärte mir Lynn einmal, dass F. sich in einer solchen Situation anders verhalten würde. Stünde sie – in Erwartung eines Lobes – neben dem gedeckten Tisch, würde er sie höchstens kühl fragen, ob sie jetzt ernsthaft ein Lob dafür erwartet, dass sie etwas Selbstverständliches getan hat. Ein großer Reiz für eine Frau wie Lynn, die zwar viel Lust aus dem “gefallen wollen/müssen” zieht, noch extrem viel mehr Lust allerdings aus Scham und Erniedrigung. Für diesen Teil ihrer devoten Persönlichkeit ist jemand wie F. die ultimative Verheißung.

Seit ich das weiß und wieder miterleben musste, dass die beiden nicht voneinander loskommen (so oft Lynn es auch versucht hat, weil diese permanente Hängepartie extrem anstrengend für sie war), war mir eigentlich klar, dass ich mich dem irgendwann stellen muss. Dass ich sie irgendwann für ein Spiel mit F. freigeben muss, damit diese Hängepartie endet. Es gibt ja diese Dinge, die von denen man selbst denkt, dass man sie mal erlebt haben muss – und sei es einfach nur, um festzustellen, ob sie wirklich so unfuckingfassbar großartig sind, wie man sie sich in seinen Gedanken wieder und wieder ausgemalt hat. Oder zumindest um sie irgendwie greifen und einordnen zu können.

Und dann war es irgendwann tatsächlich soweit. Er hatte seiner Freundin von der Verbindung zu Lynn berichtet und hatte von ihr grünes Licht bekommen (zumindest sagte er das). Ob das für mich in Ordnung wäre, fragte mich Lynn und fügte hinzu, ich könne auch nein sagen.

Tat ich natürlich nicht.

Ich wusste, dass es sie – und auch mich – ewig verfolgen würde, wenn ich ihr diese Chance verweigern würde. Die Chance, aus diesem jahrelangen Konjunktiv endlich eine reale Erfahrung zu machen. Und möglicherweise sogar noch eine überwältigend schöne und erregende Erfahrung. Also sagte ich ja. Natürlich. Und verordnete ihr für die Zeit mit F. eine Kontaktsperre. Keine Anrufe, keine Nachrichten. Sie sollte sich ganz auf ihn konzentrieren können.

24 Stunden hatte sie. F. sollte sie an einem Samstag gegen Mittag abholen und sie dann am nächsten Tag wieder bei mir abliefern. Und es wurden 24 Stunden, die ich niemals vergessen werde. Die längsten, die ich jemals erlebt habe.

“Kriege ich alles hin”, dachte ich, als ich Lynn drückte, Ihr eine Kuss gab und ihr sagte, dass ich sie liebe, nachdem ich ihr den ganzen Vormittag beim Packen und Zurechtmachen zugesehen hatte. Nervös war sie. Aufgeregt. Hibbelig. Und sehr, sehr feucht. Dann ließ ich sie gehen und war alleine.

Die ersten zwei Stunden war meine Welt noch einigermaßen in Ordnung. Ich lenkte mich ab, konzentrierte mich auf die XBox und auf die Katzen. Dann brach der Damm und mein Kopfkino legte los. Ich muss dazu sagen, dass ich beim Nachdenken einen kleinen Hang zu Worst-Case-Szenarien habe. In diesem Fall heißt das: Mein Kopf präsentierte mir Lynn und F. in diversen Bildern, von denn eines lustvoller und intensiver war als das andere. In meinem Kopf bescherte F. meiner Frau einen Orgasmus nach dem anderen. Ließ sie in Höhen fliegen, die sie mit mir nie erreichen können würde. Ließ sie vergessen, dass ich überhaupt existiere.

Ich versuchte, mich zu bremsen. Zu denken wie Lynn. Wenn ich mich beispielsweise zum Sex mit einer anderen Frau verabschiede, wünscht sie mir vorher von Herzen viel Spaß und Freude. Denn sie sagt, dass sie nicht zwangsläufig diejenige sein müsse, die mir Freude und Lust verschafft. Sie freut sich einfach mit mir und für mich, dass ich das erleben darf.

Selten habe ich diese Sichtweise so sehr bewundert wie in diesen 24 Stunden. Diese Selbstverständlichkeit, mit der sie mich immer wieder gehen lässt – in dem festen Vertrauen darauf, dass ich mit der gleichen Liebe für sie wiederkomme, mit der ich gegangen bin. Egal was ich mit der anderen Frau erlebt und wie viele Orgasmen ich hatte. Und selten war mir in der Zeit mit Lynn meine jahrzehntelange monogame Sozialisation so sehr bewusst.

Die Nacht war furchtbar. Geschlafen habe ich insgesamt vermutlich um die zwei Stunden – und die auch nur in kleinen Häppchen. Ich kann es nicht anders sagen: Es war die Hölle. Ich ging fast die Wände hoch.

Als es schließlich gegen 13 Uhr – nach gefühlt einer Woche – an der Tür klingelte, war ich völlig durch. Mein hyperaktiver Kopf hatte mir glaubhaft versichert, dass sie völlig verprügelt vor mir stehen würde – und zutiefst glücklich. Natürlich war das nicht so. Glücklich war sie. Sehr, auch wenn sie sich Sorgen um mich gemacht hatte. Die Wangen von diversen Ohrfeigen noch gerötet, Striemen am Rücken, blaue Flecke am Hintern – und doch war sie immer noch meine Frau. Und sie liebte mich nach wie vor.

Dennoch stach es hin und wieder bei mir, als sie mir erzählte, was F. mit ihr gemacht hatte. Gefesselt, geschlagen, auf vielfältigste Art und Weise gedemütigt, ihr acht Orgasmen verschafft – und sie darüber hinaus so kaputtgefickt, dass an Sex für die nächsten Tage nicht einmal ansatzweise zu denken war. Nicht die einfachste Kost für einen Menschen wie mich. Zurückhaltend ausgedrückt.

Und doch bin ich froh, dass ich Lynn die Möglichkeit gegeben habe, dieses jahrelange Kopfkino endlich Realität werden zu lassen. Einfach weil ich gesehen, habe, wie glücklich und zufrieden sie zu mir zurückkam.

Es war bislang das einzige Mal mit ihm. Etwa vier Monate danach in der Weihnachtszeit 2017 – versuchten die beiden noch einmal, ein weiteres Treffen auf die Beine zu stellen, was sich aber seitens F. so schwierig gestaltete, dass Lynn irgendwann keine Nerven mehr hatte und den Kontakt ihrerseits auf Eis legte. So werde ich nun vorerst nicht – oder vielleicht auch nie – erfahren, wie das zweite Mal für mich wäre. Ob ich diesmal besser damit umgehen könnte.

Ein kleiner Teil von mir ist darüber allerdings nur begrenzt traurig. Eine derartige Grenzerfahrung im Jahr reicht.

Autor: Lynn & Chris

Wir sind Lynn und Chris. Ein ganz normales Ehepaar. Genauer gesagt: Ein ganz normales, polyamor lebendes BDSM-Ehepaar. Dies sind unsere Geschichten.

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