Herr vs. Ehemann: Rollenkonflikte im Alltag

Geschrieben von Chris


„Schweige. Schließ die Augen. Zieh Dich nackt aus.“

Möchte ich sagen.

„Lass Dich umarmen, meine Frau.“

Sage ich stattdessen.

„Knie Dich hin. Verschränke die Arme auf Deinem Rücken. Spreiz Deine Beine und verharre so, bis ich etwas anderes zu Dir sage – wie lange es auch dauern mag.“

Möchte ich sagen.

„Komm her, leg Deinen Kopf auf meinen Schoß und lass mich Dich kraulen.“

Sage ich stattdessen.

Ursprünglich hatten Lynn und ich eine Spielbeziehung. Da waren die Dinge einfach. Wir trafen uns, wenn wir Lust aufeinander hatten. Unser Spiel war eine schillernde Blase, in die der Alltag nicht eindringen konnte. Wir kannten keine schwachen Momente voneinander, sondern waren bei unseren Treffen letztlich stets in unseren Rollen. Sie die Sub, ich der Herr. Punkt. Doch die Dinge verändern sich, wenn man ein Paar wird, wenn man zusammenzieht – und wenn man schließlich sogar heiratet.

Man ist nicht mehr nur Herr und Sub, sondern vor allem Mensch. Geliebter Mensch. Und dadurch verändert sich auch das Spiel. Es wird tiefer, vor allem aber wird es weicher. Oder genauer gesagt: Ich werde weicher. Und ganz ehrlich: Wenn man nicht in einer 24/7-Beziehung lebt – also einer BDSM-Beziehung, in der beide Partner permanent in ihren Rollen sind (was ich übrigens für völlig undurchführbaren Quatsch halte, aber dazu schreibe ich vielleicht noch einmal separat was) – dann ist es eine hohe Kunst, dafür zu Sorgen, dass der BDSM-Anteil nicht heimlich, still und leise aus der Beziehung verschwindet.

Ich ich erinnere mich an zahllose Momente, in denen ich Pläne gemacht hatte. Wenn ich beispielsweise einen Tag unter der Woche frei habe (was in meinem Beruf keine Seltenheit ist, da ich häufig am Wochenende arbeite), sitze ich oft daheim – und plötzlich springt das Kopfkino an. Ich lasse den Gedanken ihren Lauf und stelle mir vor, was ich mit Lynn machen könnte, wenn sie nach Hause kommt. Manchmal lege ich dann, wenn Lynns Feierabend naht, schon Spielzeuge bereit. Den Flogger, die Lederfesseln, ein paar Seile… und warte voller Vorfreude.

Und dann kommt Lynn nach Hause. Ich höre, wie sie die Wohnungstür aufsperrt und erwarte den Moment, in dem sie aus dem Flur ins Wohnzimmer tritt. Ich grinse. Ich hole Luft um ihr zu sagen, was sie für mich tun soll. Ich bin erfüllt von Lust.

Dann kommt sie um die Ecke und sieht mich an.

Ich atme wieder aus.

Die Lust verfliegt. Mitgefühl und Fürsorge nehmen ihren Platz ein. Ich sehe ihr an, wie müde und erschöpft sie von dem Tag ist. Es muss ein anstrengender Tag gewesen sein. Ein furchtbar anstrengender Tag.

Ich nehme sie in den Arm. Drücke sie. Flüstere „willkommen zu Hause, meine Frau.“ Schwer liegt sie in meinen Armen und hält sich an mir fest. Der Dom in mir ist verschwunden, nur der Ehemann ist noch da.

Es sind exakt diese Momente, die eine BDSM-Ehe zu einer echten Herausforderung machen. Dieser Rollenkonflikt zwischen Herr und Ehemann – wobei der Ehemann letztlich immer das letzte Wort hat. Denn ich will und kann Lynn nicht in ein Spiel zwingen, wenn sie in diesem Moment nichts mehr braucht als Wärme, Ruhe und Geborgenheit.

Die Kunst ist es meiner Meinung nach, das einfach zu akzeptieren. Wenn man ein Paar ist und eine gemeinsame Wohnung hat, kann man einfach nicht mehr so hart und kompromisslos spielen wie vorher. Stattdessen sind unsere Spiele kleiner geworden – so dass sie auch in einen stressigen Alltag passen. Wir haben nicht mehr die stundenlangen Sessions wie am Anfang. Stattdessen sind es die kurzen, kleinen Momente, die uns tragen.

Wenn ich mir von ihr etwas aus dem Kühlschrank holen lasse und sie dabei auf allen Vieren kriechen muss. Oder wenn sie einfach eine Weile geknebelt neben mir auf dem Sofa liegt. Oder manchmal auch einfach nur ein Griff in den Nacken.

Ebenso wichtig ist es aber auch, den Alltag einfach mal gezielt auszuschalten. Arbeit, Stress und Verpflichtungen für eine Weile hinter uns zu lassen, indem wir beispielsweise auf eine BDSM-Party gehen. Oder indem wir uns für 2-3 Tage wirklich komplett ausklinken und uns in einem BDSM-Appartement einmieten. Wellness für den „perversen“ Teil der Seele betreiben.

Denn sobald der Alltag von uns abfällt, verändern wir uns.

Zieh Dich aus. Knie Dich hin. Verschränke die Arme auf Deinem Rücken. Spreiz Deine Beine und verharre so“, sage ich dann zu Lynn.

„Ja, mein Herr“, antwortet sie mit einem leisen Lächeln.

Und das Spiel beginnt.

Autor: Lynn & Chris

Wir sind Lynn und Chris. Ein ganz normales Ehepaar. Genauer gesagt: Ein ganz normales, polyamor lebendes BDSM-Ehepaar. Dies sind unsere Geschichten.

2 Kommentare zu „Herr vs. Ehemann: Rollenkonflikte im Alltag“

  1. Ach ja, da seid Ihr nicht allein.
    Da sind dann so viel Dinge, an die man denken muß, die lästig sind, aber Priorität haben. Da ist einer (oder beide) einfach müde und fertig vom Tag, da paßt es nicht. Und weil das öfters passiert, muß (oder müßte) man erst mal antesten, wie die gegenseitige Stimmung überhaupt ist. Ist Spielen möglich? Oder verschieben wir es doch lieber auf einen Tag, an dem es besser paßt?
    [Und dabei schriebst Du noch nicht einmal etwas von Kindern… von Kindern, die auch ihre Zeit brauchen, von schlechten Zensuren, pubertierenden Nervtötern… ja, das Miteinander verändert sich, wenn man das ganze Leben (oder so viel davon, wie eben geht) miteinander zu verbringen sucht…]

    Gefällt 1 Person

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