BDSM – oder was manche dafür halten

Geschrieben von Chris


Wenn man auf BDSM-Partys oder in entsprechenden Clubs unterwegs ist, sieht man viele Dinge. Manche davon sind schön, manche lassen einen völlig kalt – und wiederum andere sind ziemlich grauenvoll.

Das ist nicht bezogen auf den Anblick der Menschen selbst – schließlich sehen wir alle unterschiedlich aus. Manche sind dicker, manche sind dünner, aber darauf kommt es nicht an. Ich beziehe mich auf den Umgang der Menschen miteinander. Auf ihr Spiel. Oder das, was sie dafür halten.

Es kann so schön sein, einem Paar zuzusehen, bei dem etwas fließt – egal in welcher Konstellation. Zuzusehen, wie die beiden beim Spiel alles andere um sich herum vollkommen vergessen und nur einander im Kopf haben. Nur leider sieht man so etwas ausgesprochen selten.

Häufig beobachtet man dagegen zwei andere Phänomene.

1.: Den Metronom-Schläger-Dom. Er hat einen ganzen Koffer (oder auch mehrere) dabei, der vollgestopft ist mit Equipment. Rohrstöcke mit unterschiedlichen Durchmessern, verschiedenste Flogger, Paddel, Peitschen – und gerne auch die obligatorische “seht, wie unfuckingfassbar hart ich drauf bin”-Bullwhip.

Die Sub wird auf einen Bock geschnallt, in einen Pranger gesteckt oder ans Andreaskreuz gehängt und dann nach einer vorgegebenen Reihenfolge mit all diesen Spielzeugen bearbeitet – und das mit der Präzision eines Metronoms. Patsch – Patsch – Patsch – Patsch… So geht das teilweise stundenlang. Nur unterbrochen durch die Pausen, die beim Wechsel zur nächsten Eskalationsstufe an Schlagwerkzeugen entstehen.

Gesprochen wird da meist nichts – weder vom “Dom” (der vermutlich genug damit beschäftigt ist, den Takt zu halten und dabei seinen bösen Gesichtsausdruck nicht zu verlieren), noch von der Sub. Wobei ich sagen muss, dass der Gesichtsausdruck der Subs in solchen Situationen meist das traurigste daran ist: Nicht selten wirken sie völlig unbeteiligt. Als würden sie sich überlegen, was sie am nächsten Tag kochen oder was sie noch einkaufen müssen. Da ist keine Hingabe (seitens der Sub), keine Fürsorge (seitens des Dom), nur seelenlose, kalte Härte. Furchtbar.

2.: Der “Dominanz ist gleichbedeutend mit Lautstärke”- Dom. Er ist während des Spiels eigentlich fast durchgehend damit beschäftigt, seine Sub anzuschreien oder zumindest demonstrativ laut mit ihr zu sprechen, so dass man es auch wirklich noch in der letzten Ecke des Clubs hört. “NA DU SCHLAMPE, DU BRAUCHST ES HEUTE WIEDER SO RICHTIG HART, ODER? ODER? DU ZÄHLST JETZT BEI JEDEM SCHLAG MIT UND BEDANKST DICH DAFÜR, VERSTANDEN? OB DU VERSTANDEN HAST, HABE ICH GEFRAGT!”

Wie ich sowas hasse. Würde ich als Neuling in einen BDSM-Club gehen und sowas sehen, würde ich vermutlich gleich wieder abhauen, weil ich dann das Gefühl hätte, ich wäre in einer verdammten RTL2-”Reportage” gelandet. Dass BDSM gleichbedeutend ist mit Lieblosigkeit und demonstrativer, künstlicher Härte. Dass Doms aufgesetzt böse Gesichtsausdrücke haben müssen, Subs dagegen eine künstliche Leidensmiene (wenn sie nicht auch einfach völlig teilnahmslos sind). Bei diesen Menschen verkommt BDSM zum Billig-TV-Klischee.

Meiner Ansicht nach ist Dominanz nicht laut, sondern leise – und sie funktioniert nur, wenn die Sub sich dem hingibt. Ich kann noch so dominant sein – wenn die Sub nicht will, dann will sie nicht. Unterwerfung ist nicht automatisiert und gewissermaßen gottgegeben, sondern sie ist ein Geschenk an denjenigen, der es sich verdient hat. Und ich halte den Versuch, dieses Geschenk durch demonstrative Härte einzufordern, für völligen Bullshit. Dominanz braucht keine Lautstärke, sondern – wenn die richtigen Menschen sich gefunden haben – nur ein geflüstertes Wort oder eine Berührung mit der Spitze des kleinen Fingers. Und das ist es, was viele dieser Klischee-BDSMler nicht begreifen und vermutlich auch nie begreifen werden.

Ich erinnere mich an eine kleine Session, die Lynn und ich mal in der BDSM-Ecke in einem normalen Swingerclub hatten. Viele Möglichkeiten gab es dort nicht – lediglich eine Liebesschaukel, einen Bock und ein Andreaskreuz. An letzteres band ich Lynn. Mir zugewandt und nur an den Handgelenken gefesselt, weil sie sehr empfindliche Knie hat und es ihr deswegen schwerfällt, längere Zeit mit gespreizten Beinen zu stehen.

Etwa eine Minute genoss ich einfach den Anblick ihres Körpers und wie sie mich ansah. Fokussiert, erwartungsvoll, lächelnd – und voller Hingabe. Dann drückte ich ihre Beine auseinander und streichelte und berührte sie am ganzen Körper. Erst sanft, dann fester. Ich begann sie zu kratzen und zu kneifen. Drückte Ihr meinen Oberschenkel zwischen die Beine und ließ sie sich daran reiben. Spürte ihre Hitze. Schlug sie. Auch ins Gesicht, jedoch immer mit einem Lächeln. Ließ die Berührungen dann wieder sanfter werden und streichelte sie wieder. Und dann wieder von vorne. Und so weiter, und so weiter. Als Abschluss fingerte ich sie, bis sie kam (was nicht sehr lange dauerte). Nach ihrem Orgasmus umarmte ich sie und hielt sie – sie war nach wie vor ans Kreuz gefesselt – fest, bis sie wieder in der Realität angekommen war. Und als ich sie gerade loslassen und ihre Fesseln lösen wollte, hörte ich von rechts eine Frau kaum hörbar flüstern: “Ach Gott, sind die niedlich.”

Ich blickte nach rechts – und dort stand eine Traube von etwa 15 Menschen. Männer und Frauen. Keiner der Männer hatte seine Schwanz in der Hand (obwohl diese Typen in Clubs ja eigentlich IMMER da sind, wo etwas passiert). All diese Menschen hatten die ganze Zeit einige Meter neben uns gestanden und uns einfach nur zugesehen. Mucksmäuschenstill. Und wir hatten es nicht einmal gemerkt.

Einer der oben beschriebenen Klischee-Doms hätte sich von dem Attribut “niedlich” vermutlich zutiefst beleidigt gefühlt, weil das seiner Vorstellung von Härte widersprochen hätte. Ich dagegen habe mich einfach nur tierisch gefreut. Es war so schön, das zu hören, weil ich wusste, dass die Leute begriffen hatten, dass sie Zeugen von etwas Außergewöhnlichem geworden waren. Dass da zwei Menschen auf innigste Weise miteinander gespielt hatten. Dass da etwas geflossen war. Dass BDSM, Wärme, Liebe und Fürsorge keine Widersprüche sind. Und besonders: Dass das keine Show war, sondern dass das einfach WIR waren.

Auch bei anderen Paaren haben wir so etwas schon beobachten dürfen. Selten zwar, aber es kam und kommt vor. Man muss nur etwas genauer hinsehen, weil diese eher leisen Paare neben den lauten BDSM-Klischees gerne mal untergehen.

Aber es ist wie so oft im Leben: Oft entdeckt man wahre Schönheit im Leisen und Unauffälligen. Eben dort, wo man sie nicht erwartet.

Autor: Lynn & Chris

Wir sind Lynn und Chris. Ein ganz normales Ehepaar. Genauer gesagt: Ein ganz normales, polyamor lebendes BDSM-Ehepaar. Dies sind unsere Geschichten.

3 Kommentare zu „BDSM – oder was manche dafür halten“

  1. Danke für diesen wundervollen Beitrag. Das, was du bei deiner Szene mit Lynn beschreibst, ist es, was mich am BDSM so fasziniert. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, einen Dom gefunden zu haben, der genau diese Auffassung von Dominanz hat.

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank für die lieben Worte! Ja, beim Lesen Deiner BDSM-Beiträge konnte ich (Chris) mir ein Lächeln nicht verkneifen. Freut mich sehr für Dich, dass Du so etwas gefunden hast. Ich hoffe, es bleibt Dir erhalten und bin gespannt, wohin sich das entwickelt. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich glaube, das was viele so als BDSM bezeichnen hat viele, sehr viele Seiten ! Aber geht es wirklich darum? Geht es nicht eher darum Lust zu empfinden, zu erleben und fühlen, egal wie sie für jeden einzelnen ausschaut.
    Wenn ich meinen letzten Eintrag anschaue, denke ich nicht das dass etwas mit BDSM zu tun hat. Wobei manche(r) schon vermuten könnte , das ich mich in solch einer Situation unterwerfen würde. Aber tue ich das wirklich, oder geht es um mehr?

    Ich denke du/ihr wisst worauf ich hinaus möchte!?

    Schöne Grüße euch beiden !

    HoM

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s