Offene Beziehungen – und der Weg dahin

Geschrieben von Chris


Das Zusammenwachsen mit einem neuen Partner ist ja immer so eine Sache. Wenn man möchte, dass die Beziehung auch nach dem Abklingen der ersten Euphorie noch Bestand hat, muss man aufeinander zugehen. Kompromisse eingehen.

Bei normalen Paaren dreht es sich dann meist um Dinge wie “er möchte am Samstag mit seinen Kumpels Fußball schauen” oder “sie will einmal in der Woche einen Mädelsabend machen”. Wenn sich da keine zwei vollkommen egoistische Menschen getroffen haben sollte das normalerweise kein Problem sein.

Ein wenig komplizierter sieht die ganze Sache allerdings aus, wenn ein eigentlich zutiefst monogamer Mensch (ich) auf einen anderen trifft, dem Monogamie ebenso wenig im Blut liegt wie einer Katze das Apportieren (Lynn).

Natürlich hatten wir uns im Verlauf unseres hunderte Seiten langen Mailwechsels auch darüber unterhalten, wie (unterschiedlich) wir diese Dinge sehen, aber nachdem wir es zunächst eigentlich gar nicht darauf angelegt hatten, ein Paar zu werden, maß ich diesem Punkt zunächst keinerlei Bedeutung bei.

Und dann waren wir plötzlich doch ein Paar.

“Für Dich würde ich wieder monogam leben”, schrieb mir Lynn irgendwann, als das Thema plötzlich wieder auf dem Tisch war. Sie hatte gemerkt, wie suspekt mir das alles war, und wie sehr mir schon die Zweigleisigkeit unseres Kennenlernen zu schaffen gemacht hatte. Ich bedankte mich bei ihr. Froh, mich damit nicht auseinandersetzen zu müssen und mich weiter in meiner Welt der wunderbar geordneten Verhältnisse aufhalten zu können. Ein Mann, eine Frau, fertig.

Die Monate gingen ins Land. Unser erstes wunderbares Jahr war vorüber. Und irgendwann hatte ich dann das unbestimmte Gefühl, dass etwas nicht ganz stimmte.

“Du hättest gerne wieder die Option, Sex mit anderen Männern zu haben, oder?” Es war einer dieser Momente, in denen der Mund die Dinge schneller ausspricht als das Gehirn Zeit hat, darüber nachzudenken. Erst als ich es ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, was ich da gesagt hatte. Verdammt.

Sie dachte nach. “Ich glaube schon”, sagte sie nach einigen Sekunden. “Dann mach das doch”, antwortete ich spontan und wieder ohne nachzudenken. Verdammt, verdammt, verdammt.

Ihre Augen wurden groß. “Kämst Du denn damit klar?”, fragte sie. “Klar”, antwortete ich. Jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Außerdem war es für einen Rückzieher jetzt ohnehin schon zu spät. Sie bedankte sich. Umarmte mich. Und ein paar Tage später reaktivierte sie ihr Solo-Profil auf dem Portal, auf dem wir uns kennengelernt hatten.

Verdammt.

Ich versuchte, das irgendwie in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken (oder das, was ich habe damals dafür gehalten hatte). Das alles so zu gestalten, dass ich damit umgehen konnte. Stellte einen ganzen Katalog von Regeln auf, die für ihre Treffen mit anderen Männern gelten sollten. Keine Orgasmen. Keine Küsse. Kein Pärchenkram wie gemeinsames Kochen. Keine Übernachtung. Kein BDSM. Und so weiter, und so weiter. Im Grunde genommen, auch wenn ich das damals nicht gleich erkannte: Auf dieser Verbotsliste stand alles, was irgendwie Spaß macht.

Lange habe ich gebraucht, um zu erkennen, wie absurd diese Regeln waren. Dass sie lediglich aus der Angst heraus entstanden waren, sie loszulassen und möglicherweise zu verlieren. Ein schmerzhafter Erkenntnisprozess, in dessen Verlauf ich Regel für Regel wieder zurücknahm, bis nichts mehr übrig blieb außer zwei Dingen.

1.: Keine Geheimnisse. Wir reden über alles – davor und danach.

2.: Hab Spaß, so lange alles safe läuft.

Und heute, aus der Distanz, muss ich sagen: Das ist meiner Ansicht nach die einzige Art, eine Beziehung auf ehrliche Weise zu öffnen.

Auch wenn es nach wie vor manchmal schwer ist. Auf der einen Seite genieße ich selbst natürlich die Möglichkeit, Zeit mit anderen Frauen zu verbringen. Sie küssen zu können, mit ihnen Sex haben zu können, mit ihnen Zeit verbringen zu können. Oder auch hier mal die gesamte Nacht.

Und doch gibt es dann natürlich auch die andere Seite der Medaille. Wenn Lynn alleine in den Club geht, weil ich zum Beispiel arbeiten muss. Oder einfach weil mir das Konzept der Party nicht zusagt. Dann sitze ich daheim und bekomme manchmal, in den schwachen Momenten, Besuch von meinem alten, monogamen Ich. Dem Teufelchen auf meiner Schulter. Das mir Dinge sagt, über die ich in diesen Momenten nicht nachdenken will. Das mir Bilder ausmalt, die ich in diesen Momenten nicht sehen will.

Ich könnte Lynn in ein monogames Leben sperren. Problemlos. Und sie würde es mit sich machen lassen. Eine Weile lang ginge das vielleicht sogar gut. Aber irgendwann würde sie unglücklich werden – wie ein Vogel in einem viel zu kleinen Käfig. Und letztlich würde sie eingehen, weil es gegen ihre Natur wäre. Also lasse ich sie fliegen, wenn ihr danach ist. In dem Vertrauen darauf, dass sie glücklich und zufrieden zu mir zurückkommt.

Und wenn sie dann wieder daheim ist und mir – wie wir es immer nach solchen Begegnungen mit anderen Menschen machen – erzählt, was sie erlebt hat, sticht es manchmal in mir. Aber gleichzeitig spüre ihre tiefe Freude und Dankbarkeit dafür dass sie fliegen durfte – und plötzlich sind all die dunklen Gedanken wie weggeblasen. Und ich bin froh, dass ich ihren Käfig geöffnet habe.

Es ist nicht einfach, alte Gewohnheiten abzustreifen. Sich zu häuten, weil man aus seinen alten, engen Leben herauswächst. Es ist ein Prozess, der manchmal schmerzhaft ist und vollständige Ehrlichkeit gegenüber dem Partner erfordert.

Aber es ist ein guter Prozess. Und er ist die Schmerzen wert.

Autor: Lynn & Chris

Wir sind Lynn und Chris. Ein ganz normales Ehepaar. Genauer gesagt: Ein ganz normales, polyamor lebendes BDSM-Ehepaar. Dies sind unsere Geschichten.

4 Kommentare zu „Offene Beziehungen – und der Weg dahin“

  1. Mein absoluter Respekt ! Ganz ehrlich ! Ich glaube auch das dies ein sehr großer Prozess ist. Meiner Meinung nach gehört dazu ein sehr große Portion Selbstbewusstsein oder Selbstsicherheit. Wenn ich mir so vorstelle, all die Gefühle die da aufkommen. Heftig.
    Auch beeindruckend finde ich das es dann auch bei so unterschiedliche Einstellungen zusammen findet. Und ja, das ist normalerweise eher tödlich auf die Beziehung gesehen. Besonders wenn einer mit dem Thema Sexualität ganz wenig zu tun hat und der andere nicht!?
    Ich finde deine Beschreibung wirklich gut und ich sitze gerade so hier und denke darüber nach. Meine Freundin würde mich töten !! ( Sprichwörtlich ) Und bei uns ist es viel komplizierter wahrscheinlich was das Thema an sich angeht.
    Schöne Grüße

    Gefällt 1 Person

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