Ein Blick in mein Herz…

… eine Reise in (meine, Lynns) Vergangenheit.

“Wie kannst du das?” eine Frage, die mir nicht nur mein Mann schon gestellt hat, sondern auch Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Im Grunde fast jeder, der sich schon einmal mit meinem/unseren Lebensstil auseinandergesetzt hat. Mit “das” meinen sie das Teilen eines Partners. Sexuell. Aber auch emotional.

Unbegreiflich für Viele.

Untreue beginnt für manche Personen schon bei einem Kuss, einem Blick, einer Umarmung. Mit einem gesprochenen oder geschriebenen Satz.

Für mich beginnt Untreue da, wo Aufrichtigkeit fehlt. Wo Dinge ohne Absprache geschehen. Aber sie ist nichts, was man an Körperlichkeiten, Intimität oder Gefühlen misst.

Um meine Einstellung verstehen zu können, muss man eine kleine Zeitreise unternehmen.

In einer Sommerferienwoche, ich war etwa 13 Jahre alt, beschlossen meine Eltern mit meinem Bruder und mir einen Ausflug zu unternehmen. Wir waren gerade 5 Minuten auf der Autobahn, da ließ mein Vater eine Bombe platzen:

Er erklärte frei heraus, dass er eine Affäre mit einer anderen Frau hatte, dazu auch noch ein uneheliches Kind im Alter von 3 Jahren und ein Weiteres sei nun auf dem Wege. Die “andere” Frau schwanger.

Die Autofahrt war strategisch unklug gewählt für eine derartige Beichte. Wir 4 saßen aufeinander, mein kleiner Bruder brach in Tränen aus, meine Mutter wurde still und schluchzte und ich – in der Hochphase der pubertären Trotzreaktionen – schrie mir die Seele aus dem Leib und schimpfte. Eine Stunde lang. Bis wir am Parkplatz des Freizeitortes angekommen waren. Was folgte war ein Ausflug, wie er eiskälter im August nicht hätte sein können.

Die Dreistigkeit meines Vaters kannte keine Grenzen. Trotz Eheberatung, diversen Versuchen meiner Mutter dieses sinkende Beziehungsschiff noch zu retten, betrog er sie weiter. Heimlich. Jubelte ihr sogar das Neugeborene für einen Tag unter, indem er log, es sei das Kind einer Arbeitskollegin, das er angeboten hätte zu sitten, damit diese Behördengänge erledigen könne. Meinen 2 Halbgeschwistern folgten noch vier Weitere, was aber erst Jahre später bekannt wurde, als die Unterhaltszahlungen nahezu untragbar wurden. Während meine Mutter verzweifelt – gefangen in einem Konstrukt aus elterlich indoktrinierter Religiosität und dem inneren Zwang ihre Jugendliebe (meine Eltern kannten sich schon seit Schulzeiten, es gab nie auch nur einen anderen Mann neben ihm) nicht zu verlieren – an der zerstörten Ehe festhielt. Für uns Kinder ein äußerst unangenehmer Zustand und eine Zeit in der ich mich immer häufiger zu meinem ersten Freund (nennen wir ihn Gabriel) flüchtete, den ich kurz darauf kennen gelernt hatte.

Er war für mich da, seine Familie war intakt und mit ihm erlebte ich meine ersten Sex. Die aufregenden Gefühle trugen mich durch diese Zeit. Gabriels Freundeskreis nahm mich herzlich auf, seine Exfreundin, Janna, die etwas älter als er, und damit gut 7 Jahre älter als ich, lernte ich dort kennen. Recht schnell verstanden wir uns extrem gut und ich hatte mit ihr und ihm gemeinsam meinen ersten Dreier. Ich war abgelenkt, erfüllt, meine Leben verhältnismäßig stressig, ausgelastet, mit einem großen Freundeskreis, meinem Wettkampfsport, Janna, Gabriel, den neuen/ersten sexuellen Erfahrungen und den Vorbereitungen auf mein Abitur/der Oberstufe.

Meine Eltern hatten sich nach zwei Jahren erfolglosem Kampf zwischenzeitlich getrennt.Während meine Mutter in eine tiefe Depression stürzte, die es ihr unmöglich machte morgens den Fuß aus dem Bett zu setzen, rutschten meine Lebensstandards von einem einzelverdienergeführten Haushalt und großer Wohnung auf Hartz-4-Niveau. Meine Mutter schlief im Wohnzimmer auf einem Klappsofa, mein Bruder und ich bezogen je ein kleines Zimmer in der neuen Wohnung. Die alten Möbel nahm größtenteils mein Vater und so blieb uns nur der Gang zum Sozialkaufhaus. Mitte 40 stand meine Mutter vor dem Nichts. Mein Vater war außerstande für unseren Unterhalt aufzukommen. Bei so vielen Kindern, einem Unterhaltsdarlehen usw. war er nicht mehr verpflichtet für mich oder meinen Bruder aufzukommen, da wir die ältesten der Kinder waren. Mein Bruder geriet auf die schiefe Bahn, bekam große Probleme mit Drogen und Kriminalität und ging ohne Schulabschluss ab. Es gab Momente, in denen ich es nicht für möglich gehalten hätte, dass er jemals Arbeit findet, geschwiege denn seinen 18. Geburtstag lebend erreicht.

Die Verzweiflung dieser Tage lässt sich kaum in Worte fassen.

Dennoch ging ich unbeirrt meinen Weg. Schloss mein Abitur sehr gut ab, trotz gleichzeitiger Doppelbelastung durch meinen Nebenjob, hortete mein Geld, packte meine Sachen und zog mit 17 Jahren sofort nach dem Abschluss von daheim aus.

Ich ging direkt ins Studium und zog mit Gabriel zusammen.

Was folgte, waren anstrengende Jahre an der Uni, aber auch privat. Das Zusammenwohnen ist doch eine ziemlich große Herausforderung. Insbesondere in einem Alter, indem man sich selbst noch nicht sicher genug ist, in dem was man ist, wer man ist, was man will usw. Ich genoss das Leben, mochte meine Unabhängigkeit, unsere klitzekleine Studentenbude, in einem recht baufälligen Haus, dennoch gemütlich eingerichtet. Mein eigenes Nest. Die Miete konnte ich mit zwei bis drei “guten”, trinkgeldreichen Abenden/Nächten in meinem Gastro-Nebenjob bestreiten.

In den Jahren der Sorge um meine Eltern, meinen Bruder, meine Zukunft, mein Abitur, hatte ich vergessen Dinge für mich selbst zu tun.

Und das nahm ich in Angriff, vermutlich mit mehr Egoismus, stärkerer Intensität und Rücksichtslosigkeit als dies angemessen gewesen wäre.

Ich wollte raus und leben. Feiern.

Die Erstsemesterpartys kamen da genau richtig. Und während ich mich abends im Badezimmer vor dem Spiegel herrichtete, stand Gabriel auf der Türschwelle und sah mir zu. Kritisierte mich. Sagte mir, dass ich zugenommen hätte. Dass ich geschminkt aussähe wie ein Clown. Er versuchte aktiv mein Selbstbewusstsein zu schmälern, um mich dazu zu bringen nicht unter Leute zu gehen. Nicht ohne ihn das Haus zu verlassen. Weil er selbst nicht im Stande war, ehrlich zu sagen, dass es ihn störte, wenn ich feiern ging, dass er mir nicht vertraute. Obwohl ich (ironischerweise, wenn man bedenkt, dass mich seine Aussagen zu meinen späteren Taten trieben) ihm damals nie Anlass dazu gegeben habe und in herkömmlichem Sinne absolut treu war.

Ein weiteres Jahr ging ins Land, wir stritten häufiger und ich wurde zunehmend sexuell frustrierter. Was so schön begonnen hatte wurde langweilig. Immer gleicher Sex. Ich auf ihm, Licht aus. Ich bot ihm an mal Analverkehr zu probieren. Er sagte nein. Ich bot ihm an nochmal einen Dreier mit Janna zu versuchen. Er sagte nein und war eifersüchtig. Ich erzählte ihm von den Blogs und den Foren über Swingerclubs in denen ich gelesen hatte und schlug ihm vor einen zu besuchen, nur mal zum schauen. Er sagte nein, schrie mich an und weinte. Er zog sich zurück, ich zog mich zurück

Und ich begann, wie mein Vater, feige zu hintergehen…

Um wieder den Kreis zu schließen und zum Anfang dieses Textes zurück zu finden: das war mein Weg (wenn auch stark gekürzt, aber ich will ja nicht, dass euch die Augen bluten vom Buchstabensalat). Meine Prägung. So viel Leid. So viel Ungerechtigkeit. Und schlussendlich führte zu strikt genommene, sexuelle Treue immer wieder zur Enttäuschung. In mir reifte ein Gedanke, der auch heute noch meine innere Einstellung am klarsten verdeutlicht und mit dem ich die zu Anfang gestellte Frage zu beantworten pflege:
Welches ist eines der schönsten Gefühle, die ich mit einem geliebten Menschen teilen kann?
Es ist ein Höhepunkt.

Muss ich immer Verursacherin dieses Orgasmus sein? Oder kann ich mich zurück nehmen, zurück treten und dieses Wunder von außen mit genau so viel Freude betrachten? Liebe zu teilen, auf die eine oder andere Weise?

Eifersucht ist kein Gut. Sie ist keine Tugend und an ihr bemisst sich nicht der Wert und die Tiefe einer Liebe.

Ich freue mich auf Eure Gedanken und Kommentare zu diesem nicht unheiklen Thema!

Autor: Lynn & Chris

Wir sind Lynn und Chris. Ein ganz normales Ehepaar. Genauer gesagt: Ein ganz normales, polyamor lebendes BDSM-Ehepaar. Dies sind unsere Geschichten.

2 Kommentare zu „Ein Blick in mein Herz…“

  1. Wer kennt diese Gefühle nicht in einer Beziehung, in der, wie man so schön sagt, Sand im Getriebe ist, in der einer dem anderen nicht mehr vertraut, in der man sich emotional voneinander hat. Gerade in einer Lebensphase, in der man noch auf der Suche nach sich selbst ist, ist den Partner zu hintergehen ein oft gewählter Weg.

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  2. Ein sehr bewegender Text. Danke, dass du uns daran teilhaben lässt. Obwohl ich glücklicherweise nie vergleichbare Erfahrungen in der Familie oder am eigenen Leib durchleben musste, teile ich inzwischen genau deine Einstellung zum Thema Offenheit und Ehrlichkeit. Auch ich bemerke bei mir von Zeit zu Zeit Anflüge von Eifersucht. Ich versuche mich dann genau mit deiner Antwort im letzten Abschnitt zu beruhigen und mich für den Menschen zu freuen. Es ist mir ja eigentlich wichtig, dass es ihm gut geht und ich versuche mir klar zu machen, dass es mir nicht weniger gut geht, wenn er auch mit anderen Menschen Spaß hat. Aber es fällt mir oft schwer, weil diese Denkweise so tief in unseren angelernten Erwartungen fest verankert ist.

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