Wie alles begann…

Geschrieben von Chris


“Da ich davon ausgehe, dass Du bereits alle Bassistenwitze kennst, wähle ich einen anderen Einstieg…”

Als mich Anfang September 2013 diese Worte als Mail auf einer bekannten – nun ja – Plattform für die Anbahnung sexueller Kontakte erreichten, hatte ich noch keine Ahnung, dass sie mein Leben verändern würden.

Aus einer Laune heraus (und nach zwei sehr gut gemixten Sex on the Beach), die ich an der Hotelbar zu mir genommen hatte, hatte ich mir in besagter Sex-Community ein Profil erstellt. Ich war gerade im Urlaub in den Bergen. Alleine, denn ich war zu dem Zeitpunkt nicht nur hoffnungslos überarbeitet, sondern brauchte auch Abstand von meiner Beziehung. Oder dem, was davon noch übrig war.

Gut sieben Jahre hatte ich geglaubt, dass ich mit der Tatsache, dass meine damalige Partnerin psychisch krank war (Borderline-Persönlichkeitsstörung), umgehen könnte. Fünf Jahre lang konnte ich das sogar einigermaßen, doch seit wir uns dann 2011 eine gemeinsame Wohnung genommen hatten, war es mit uns langsam aber unaufhaltsam bergab gegangen. Je länger wir zusammen wohnten, desto deutlicher wurde mir das Ausmaß ihrer Krankheit – und Immer öfter ging mir die Kraft aus. Sie zog sich zurück. Die Nähe wurde weniger. Es wurde kälter daheim. Schleichend, von Tag zu Tag. Und natürlich wurde auch der Sex weniger, von BDSM ganz zu schweigen.

Meine Freundin merkte, wie sehr mich das alles belastete – und wie sehr mir Sex und BDSM fehlten. Irgendwann sagte sie: “Such Dir doch eine Spielbeziehung. Das ist in Ordnung, ehrlich. Aber wenn Du es tust, tu es heimlich. Ich will absolut nichts davon wissen.” Ich lehnte natürlich ab. Ich hatte noch nie eine meiner Partnerinnen betrogen und war absolut monogam sozialisiert. Das kam für mich nicht in Frage.

Der Abstieg ging weiter. Die Nähe wurde noch weniger, Sex hatten wir fast gar keinen mehr. Einige Monate später wiederholte meine Freundin ihr Angebot. Ich lehnte erneut ab. Wiederum einige Monate später brachte sie die Idee zum dritten Mal vor. Diesmal schwieg ich – allerdings nach wie vor fest entschlossen, das Angebot nicht anzunehmen.

Doch ich hatte nicht mit der Wirkung der Berge gerechnet. Nur das Rauschen eines Wasserfalls war in der Ferne zu hören, als ich im Spätsommer in 2500 Metern Höhe mitten im Nirgendwo auf einem Felsen saß und gut eine Stunde lang eine Zigarre rauchte, während ich den Blick über die Gipfel und Berge schweifen ließ. Kein Mensch weit und breit. Nur ich, die Zigarre, der Wasserfall, die Sonne, ein leichter Wind – und meine Gedanken. Und das reifende Bewusstsein, dass ich in meinem Leben etwas ändern musste. Dringend.

Und da saß ich dann am Abend in meinem Zimmer. Die zwei Cocktails hatten ihre Wirkung entfaltet und mich in eine angenehm gelöste Stimmung versetzt, die man wohl am ehesten mit “ach komm, scheiß drauf” umschreiben könnte. Also erstellte ich mein Profil. Aus dem Bauch heraus, ganz ohne Plan. Dazu ein Bild von einem der Auftritte meiner Band – so zugeschnitten, dass man nur meine Hand auf meinem Bass erkennen konnte. Danach fiel ich ins Bett. Zum ersten Mal seit Monaten konnte ich durchschlafen und fühlte mich beim Aufstehen nicht so, als hätte nachts eine ganze Fußballmannschaft herumgetrampelt.

Zwei Nachrichten von Frauen erwarteten mich am nächsten Morgen (wirklich gerechnet hatte ich nicht einmal mit einer), doch bereits nach wenigen Wortwechseln wurde mir klar, dass die Damen zwar nett waren, aber nichts für mich. Zu belanglos waren die Nachrichten. Wenn ich etwas hasse, dann Belanglosigkeit.

Dann am Nachmittag erreichte mich eine dritte Nachricht.

“Da ich davon ausgehe, dass Du bereits alle Bassistenwitze kennst, wähle ich einen anderen Einstieg…” Ich musste lachen. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war, aber ich mochte sie bereits nach diesen wenigen Worten. Die Dame stellte sich kurz vor, erklärte mir, warum sie mein Profil interessant fand, dass sie devot und ebenfalls auf der Suche nach einer Spielbeziehung war – und sie schloss mit den Worten: “Wenn Du magst, dann antworte mir doch. Ich würde mich freuen.”

Und das tat ich, obwohl sie fast 20 Jahre jünger war als ich und ich wegen des Altersunterschieds durchaus etwas skeptisch war. Sie schrieb zurück. Ich antwortete wieder. Und so schrieben wir. Über Wochen hinweg. Rund 700 Seiten insgesamt. Bis wir uns schließlich trafen. Heimlich. Und so wie ich ihre ersten geschriebenen Worte nie vergessen werde, werde ich auch ihre ersten gesprochenen nie vergessen: “Hi, ich bin Lynn und leider gerade ein Einhorn.” Erst nach einigen Sekunden begriff ich, dass sich diese wunderschöne Frau, die da gerade vor mir stand, dafür entschuldigte, dass sie einen winzig kleinen Pickel auf der Stirn hatte. Ich lachte und umarmte sie.

Wir gingen Kaffeetrinken und anschließend stundenlang spazieren. Wir redeten, redeten und redeten. Nie gab es auch nur eine Sekunde unangenehmer Stille. Noch nie hatte ich mich einem Menschen so nah gefühlt. Erste Zweifel meldeten sich in mir, ob das mit einer Spielbeziehung wirklich so klappen würde. Ich schob die Zweifel beiseite. Wir trafen uns öfter. Verstanden uns besser und besser. Redeten. Spielten. Hatten Sex.

Doch ich wurde nachlässig, denn ich hasste es, meine Freundin anlügen zu müssen. Meine Ausreden für meine Ausflüge wurden schlechter, meine Lügenkonstrukte fragiler. Und schließlich kam sie mir auf die Schliche. Natürlich. Solche Sachen fliegen immer irgendwann auf.

Sie tobte. Schrie mich an. Als ich ihr zu erklären versuchte, dass ich lediglich das getan hatte, was sie mir mehrfach angeboten hatte, antwortete sie, dass ich doch hätte wissen sollen, dass das nicht ernst gemeint gewesen wäre. Und dann stellte sie mich vor die Wahl: Ich solle “die verdammte Tussi” abschießen und mir einen Therapeuten suchen, oder sie würde mich verlassen.

Die Entscheidung fiel mir sehr schwer, allerdings nicht wegen der Konsequenzen für mich (wobei ich zu dem Zeitpunkt noch keine Vorstellungen hatte, welche Ausmaße es annehmen kann, wenn eine Borderlinerin jemanden hasst), sondern weil ich wusste, dass ich damit meine Freundin aus ihrem sicheren Umfeld werfe und ihr den Boden unter den Füßen wegziehe. Und doch konnte ich nicht anders. Zu kaputt war die Beziehung zu diesem Zeitpunkt. Zu nah war mir Lynn gekommen. Und zu gut hatte sie mir getan.

Und so traf ich meine Wahl. Am nächsten Morgen zog meine Freundin aus.

Und ich begann endlich wieder zu leben, zusammen mit Lynn. Nach einer Weile wurden wir ein Paar, nach einem halben Jahr zogen wir zusammen, nach zwei Jahren heirateten wir.

Dies sind unsere Geschichten.

Autor: Lynn & Chris

Wir sind Lynn und Chris. Ein ganz normales Ehepaar. Genauer gesagt: Ein ganz normales, polyamor lebendes BDSM-Ehepaar. Dies sind unsere Geschichten.

3 Kommentare zu „Wie alles begann…“

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